Mittwoch, 20. Oktober 2010

Teil 2: Abenteuer im Drei-Länder-Eck

(Gestern wurde Teil 1 veröffentlicht. Bitte Teil 1 zuerst lesen!)

Für den nächsten Tag hatte die Reiseleitung (also ich) die Wahl offen gelassen. Nachdem wir auf dem Ausguck über das 3-Länder-Eck und die beiden Grenzflüsse waren konnten wir entweder die brasilianische Seite der Fälle besuchen, die nicht so spektakulär aber auch sehr schön sein sollte, oder (vielleicht auch ein bisschen des Stempels und der 3-Länder-in-3-Tagen Story) nach Paraguay rüber zufahren um sich das auch mal anzuschauen und im Mona Lisa Shoppingcenter, von dem meine brasilianischen Kollegen auf Grund der „spottbilligen Preise“ schwärmten, ein bisschen einkaufen zu gehen.
Meine Mutter fand die Idee Paraguay zu sehen interessant und so saßen wir kurz darauf in einem Taxi. Um nicht durch Brasilien durchreisen zu müssen, nahmen wir die etwas teurere Route: Mit der Fähre. Die Autofähre fuhr ein Stück den Rio Iguazu, zwischen Brasilien und Argentinien, hinunter und überquerte dann den Rio Paraná (der Paraguay sowohl von Argentinien als auch von Brasilien trennt). Die Fahrt dauerte nicht sehr viel länger als wenn man mit der Fähre den Rhein überquert, aber wir landeten in einer anderen Welt. Schon auf der Fähre sahen wir lauter Kleinbusse, beladen mit Zwiebeln, Bier und Mehl. „Eben alles was in Argentinien billiger ist und in Paraguay schwer zu bekommen“, kommentierte unser Taxifahrer Daniel Ferrer, der wohl deutscher aussah als wir selbst (er hatte, wie wir erfuhren eine Deutsche Mutter).
Wer von euch die Auswanderer auf VOX gesehen hat, die nach Paraguay abgedüst sind (und nach ihrer Ankunft aufgeregt in die Kamera sagten „Oh mein Gott, das ist ja ein dritte Welt land hier!!! …wie ist denn eigentlich der Wechselkurs zum Euro?“) hätte die Landschaft wieder erkannt: Ungeteerte Straßen, Pferde und Kühe die fröhlich im Dorf spazieren gehen, alte Opas die mit dem Bier in der Hand vorm zerfallenen, fensterlosen Haus sitzen, und Wäsche die zum trocknen auf dem (Stacheldraht-)Zaun hängt. „Nein“, bestätigte auch Daniel, „abends würde ich hier nicht allein lang fahren… manchmal verschwinden auch Kinder. Tagsüber ist Paraguay ein Land zum einkaufen, um 4 Uhr ist keiner mehr auf der Straße… die Kriminalität geht bis zum Organhandel“.

Angekommen in der Stadt Ciudad del Este fielen meinem Vater als erstes einmal die vielen Autos ohne Nummernschilder auf. Auf Versicherungen werde kein Wert gelegt, erzählte und Daniel, und wenn er als Argentinier ein Auto aus Paraguay ankatschen würde so würde er zahlen müssen. Würde sein Auto von einem anderen angefahren aber wohl auch, denn die Polizei interessiere dies nicht da sie mit den Verbrechern unter einer Decke stecke und er als Ausländer habe da eh wenig Rechte. Kam mir bekannt vor. Ich erinnerte mich an die Tatsache dass ich in Brasilien auch Schuld am Unfall hatte, weil ich Ausländerin war.
Nicht viel später parkten wir das Taxi auf einem „sicheren“ Parkplatz. Ob man nicht direkt bis zum Shopping Center fahren könnte, fragte ich. Nein, er könne sein Auto ja nicht „irgendwo“ stehen lassen, erklärte mir unser Fahrer. Also stapften wir durch die mit mobilen Ständen und Menschen überfüllten Straßen Ciudad del Estes und ganz wohl war mir bei der Sache nicht. Hinter mir hörte ich meinen Vater sagen „Ich trau’ mich hier gar nicht ein Foto zu machen…“ Nein, besser nicht, dachte ich mir, aber schon in dem Moment hörte ich meine Mutter: „Ach, da kenn ich nix!“ Ich dreht mich um und da stand sie, mitten auf der chaotischen Straße, einen Arm weit von sich gestreckt und den kleinen Fotoapparat locker in der Hand, nicht einmal das Bändel ums Handgelenk geschlungen. Ich werde ihr dankbar sein für dieses Foto wenn es in meinem Reisealbum landet, so wie für viele Fotos die sie in meinem Leben gemacht hat, ganz vorne in der ersten Reihe stehend und mit extra gutem Blitz wenn es mir am liebsten gewesen wäre sie säße ganz hinten und würde bloß kein Aufheben um meine Person machen. Aber ich konnte Mama in dem Moment nicht anders als sie laut anzufahren, den Fotoapparat wegzustecken. Sicherlich bestand für sie in all dem Chaos keine Gefahr, aber vor meinem inneren Auge sah ich schon einen Mopedfahrer vorbeibrausen und die Kamera schnappen. Das wäre schade um die Fotos der letzten Woche gewesen und auch schade um den Apparat. „Jajaja, ich pack’s ja schon weg…“ sagte sie mit halb erschrockenem, halb frechem Gesicht.
Angekommen am Shoppingcenter verabredeten wir uns mit unserem Taxifahrer für 1,5 Stunden später. Es wurde uns schnell klar, dass die Lobhudelei der sensationellen Preise durch meine brasilianischen Kollegen für Europäer keineswegs zutraf. Die Produkte waren zwar rund ein Drittel (im Falle WII sogar 75%) billiger als in Brasilien, aber in Deutschland oder den USA ist es dennoch wesentlich günstiger. Trotzdem fanden wir zwei Schnäppchen: Ein flaschengrünes Lacoste Poloshirt für meinen Papa und eine lila Kapuzenjacke von Puma für mich. Dann setzten wir uns in ein Café, tranken ein Wasser, aßen ein Sandwich und beobachteten wie die brasilianische Schickeria Designerwaren auswählte. „Aber der da ist kein Brasilianer“, meine Mama zeigte auf einen dicken Herrn mit goldener Rolex, „guck, der hat da die paraguayische Flagge auf dem Hemd!“ – „Das ist nicht die Flagge von Paraguay, Mama… das ist die Flagge von Tommy Hilfiger!“ – „Oh…“

Wieder sicher und heil auf der Fähre angekommen musste ich etwas enttäuscht feststellen, dass wir in Paraguay an der Grenze gar keine Stempel in unsere Pässe bekommen hatten. „Paraguay… es Paraguay.“, war der Kommentar unseres Taxifahrers dazu. Aber was soll’s. Wir hatten einen spannenden Tag und können behaupten in 3 Tagen 3 Länder in Südamerika besichtigt zu haben.
Den Rest des Tages verbrachten wir halb dösend oder lesend am Pool des Hotels. Wie schön wenn man sich von einem Abenteuer so luxuriös erholen kann.

Zum Abendessen waren wir in einem superschönen Lokal wo mein Vater ersteinmal kurz über die Preise schockiert war, bis er bemerkte dass man ja von Peso zu Euro durch etwas mehr als 5 teilen muss, und nicht durch etwas mehr als zwei wie beim Brasilianischen Real. Die Portionen, gerade das Fleisch, waren allerdings dennoch so gewaltig, dass man sich locker zu zweit etwas hätte teilen können.

(Morgen erscheint Teil 3. Da ich nur die Fotos aus dem Naturpark Iguazu besitze, werden die anderen in ein paar Wochen nachgereicht)

Dienstag, 19. Oktober 2010

Mama und Papa zu Besuch! - Teil 1: Ankunft und Wasserfälle



Meine Eltern sind am Vormittag des 08. Oktober, mit ein wenig Verspätung, in Goiânia gelandet. Eigentlich hätte ich an dem Tag ein Seminar zu sicherem und vorrausschauendem Autofahren gehabt, was ich aber abgesagt hatte um den Consultant des Zertifizierungsprogramms nachmittags in einer anderen Stadt abzuholen und zum Flughafen zu fahren. Diese Fahrerei wurde zwar auch wieder abgesagt (der Consultant wurde bis in mein Büro gebracht) aber ironischer Weise wurde ich als ich nicht beim Seminar war sondern meine Eltern abholte an einer roten Ampel geblitzt. Eine rote Ampel zu überfahren ins in Brasilien eigentlich manchmal sogar normal. In Deutschland ist es grober Unfug. In beiden Ländern ist es aber, wenn man geblitzt wird sehr teuer. Währen man in Deutschland noch eine Reaktionszeit mit einbezieht, wird hier geblitzt sobald die Ampel von Gelb auf Rot springt, selbst wenn man nur noch mit dem Hinterreifen über die Induktionsschleife rutscht. Genau deshalb bin ich mit so was auch eigentlich besonders vorsichtig und wenn ich die Blitze sehe stehe ich meist schon bei Gelb. Dummerweise aber nicht dieses Mal. Ich habe nicht einmal gesehen dass es eine Ampel gab. Ein LKW der vor mir fuhr verdeckte die Sicht auf die hängende, auf der anderen Straßenseite befestigte, Laterne und somit sah ich das rote Leuchten erst direkt über meinem Kopf als ich schon längst über die Kreuzung war. Ich bin ja mal gespannt ob was ankommt.
Der Freitag war noch ganz relaxt. Wir sind erstmal nach Hause um zu duschen und dem Wetter angemessene (kürzere) Kleidung anzuziehen und dann haben wir mit meiner Kollegin Sthela zu Mittag gegessen. Danach konnten meine Eltern ein Nickerchen machen während ich unseren Consultant in Empfang nahm, mit ihm die vergangene Woche durchsprach und ihn dann, an der unsäglichen, versteckten Ampel vorbei, zum Flughaften brachte. Abends mussten meine Eltern sich dann meinen Gesangsunterricht antun… Ich war so nervös, dass ich kaum einen Ton raus brachte und selbst das Aufwärmen der Stimme musste drei oder vier Töne früher (tiefer) beendet werden als normal. Oh je.

Samstag und Sonntag haben wir uns erstmal die Gegend (selbstverständlich und zum Verdruss meines Vaters inklusive Shopping Center) angeschaut. Sie haben ein bisschen was von dem Land zu sehen bekommen, dass ich während meiner Arbeit so durchfahre und wir waren, mit vielen anderen Wochenendausflüglern, an einem Wasserfall mit Badesee versteckt in den Hügeln von Pirénopolis. Dazu ein bisschen relaxen auf dem Balkon, ausgiebig mit vielen Früchten frühstücken und im Park Kokosnüsse schlürfen.

Am Montag ging es dann richtig los. Früh aufstehen und über Sao Paulo Guarulhos nach Foz do Iguacu, im Drei-Länder-Eck von Südamerika. In Sao Paulo hatten wir einige Stunden Aufenthalt, aber das war gar nicht so schlimm. Denn währen eine goldene American Express Card in Deutschland, Europa, gar nichts Besonderes ist, hat man in Brasilien damit Zutritt zu speziellen American Express Lounges. So konnten wir unsere Zeit mit gutem Kaffee, Internet, oder lesend auf dem Sofa vertrödeln.

Von Foz do Iguacu aus (Brasilien) hat uns dann ein Taxi nach Puerto Iguazu (Argentinien) gefahren, wo ich uns ein schönes Hotel mit kleinen Apartment Bungalows reserviert hatte. Die Grenzüberquerung per Taxi war kein Problem, dennoch wurde mir klar wie froh wir über das Schengener Abkommen und die stempelfreie Herumreiserei in Europa sein können… Angekommen und eingerichtet machten wir uns auf den Weg das Städtchen (mit gerade einmal 45.000 Einwohnern wesentlich kleiner als das mit 300.000 Einwohnern belebtere, aber auch kriminellere Foz do Iguacu). Es dauerte ein Weilchen bis wir eine Bank gefunden hatten. Danach wussten wir irgendwie nicht so Recht und waren außerdem durstig, so dass wir uns kurzer Hand auf die Veranda eines Restaurants gesetzt haben um etwas zu trinken. Hier blieben wir dann auch noch zum Abendessen und fielen dann relativ früh ins Bett um rechtzeitig aufzustehen um zu den Wasserfällen zu fahren.

Nachdem Frühstück stoppten wir den Bus „El Practico“ direkt an der Straße vor unserem Hotel und stiegen etwa 45 Minuten später, nach einer rasanten Fahrt, vor dem Eingang des Naturparks wieder aus. Schnell waren wir am einzigen Kartenschalter angekommen. Wie sich herausstellte konnte man dort aber nicht mir Karte bezahlen sondern nur und ausschließlich mit Pesos. Und weit und breit keine Bank. Wie sich aber dann herausstellte, befindet sich im Park ein Bankautomat und würde ich meine ID hinterlegen könnte ich auch durchgehen und Geld abheben. Ich trabte also los, mit meiner brasilianischen EC Karte in der Hand, fand nach einigem Suchen die Bank und war endlich an der Reihe. „Sie haben eine ungültige Aktion gewählt. Wollen Sie eine andere Aktion durchführen?“ – Meine Karte funktionierte nicht. Ein häufiges Problem in Südamerika, dass Karten mal hier und mal da funktionieren, aber in diesem Moment, an der einzigen Bank weit und breit, hatte ich nicht damit gerechnet. Ich ging also wieder zurück. Meine Mutter hatte nur ihre Kreditkarte dabei und wusste die PIN nicht, das war also auch keine Option. Zum Glück hatte mein Vater aber noch eine EC Karte der Sparkasse Köln/Bonn in der Tasche, mit der das Abheben glückte. Endlich hatten wir Pesos, und da ich in Brasilien lebe bekam ich sogar noch einen Rabatt von etwa 50%. Leicht verspätet traten wir in den Park und machten uns auf die Suche nach den Fällen.
Schon auf den ersten paar Metern kam uns eine ganze Familie Coatis [Ko-Ah-Tihs] entgegen. Die tagaktiven, aus der Familie der Waschbären stammenden Tiere sollten uns noch öfter begegnen, allerdings nicht mehr als Familie im Wald sondern unter die Touristen gemischt die auf Plastikstühlchen in der Nähe der Snackbar sitzen: Die Tiere, wie die Nordamerikanischen Waschbären auch, kramen gern im Müll und mögen „Menschenfutter“ so sehr, dass sie dafür sogar kratzen und beißen würden.
Die Wasserfälle wurden von mal zu mal schöner und imposanter und die schiere Masse des Wassers (1500 Badewannen voll pro Sekunde) die über den Rand der mehr als 150 kleinen und großen Wasserfälle fiel war wunderschön anzuschauen. Wir verbrachten den ganzen Tag im Park und sahen zum krönenden Abschluss den Teufelsschlund „Garganta del Diablo“, den größten Wasserfall des Iguazu Flusses. Iguazu kommt übrigens aus der lokalen Indianersprache und heißt so viel wie „großes Wasser“. Kann man so unterschreiben, denke ich…

(Teil 2 erscheint morgen. Fotos kommen heute Abend noch nach)

Samstag, 18. September 2010

USA

Jaja, ich weiss, eigentlich habt ihr es alles satt zu lesen wie gut es mir geht und wie toll alles ist. Dummerweise muss ich noch einen draufsetzen: Die 10 Tage Urlaub mit meinen MBA-bffs Amber und Kaoru waren total genial und den Reisestress absolut wert. Aus vielerlei Gründen und gewillt möglichst viele MBA Kollegen zu treffen, Cirque de Soleil's KÁ zu sehen, und ausserdem in Texas einen Truthahn zu frittieren kamen wir dazu die USA mehr oder weniger zweimal zu überqueren um alles unter einen Hut zu bringen.
Wir trafen alle mit unterschiedlichen Flügen aber mehr oder weniger zur gleichen Zeit am Samstag in Las Vegas ein (Kaoru aus Tokyo, Amber aus Austin und ich aus Goiânia), haben uns in Las Vegas köstlich amüsiert, am Pool gelegen, in Clubs bis zum umfallen gefeiert, eine tolle Show gesehen und ganz nebenbei noch alle drei (ein bisschen) Geld gewonnen.
Danach ging es ab nach Washington. Eine Stadt die mich beeindruckt hat. Wirklich schön und sauber und recht klein. Es gab viel zu sehen, und für Kaoru und mich viel zu fotografieren. Ausserdem konnten wir Ricardo, Julianna, Paul, André und Fanny treffen, die ich alle seit der Graduation Party in Madrid (Dezember 2008) nicht gesehen hatte.
Zu guter letzt mussten wir natürlich noch nach Austin, Texas, um Amber's neue Wohnung zu sehen, in riesigen Schwimmreifen stundenlang den Fluss abzufahren, und nicht zu letzt bei Amber's Patentante einen "kleinen" Truthahn zu frittieren. Amber's Familie selbst hatte das noch nie gemacht, aber nachdem Amber in Madrid so viel vom frittierten Vogel ihrer Tante erzählte und mir, dem Küchensklave bei den Vorbereitungen des Madrider Thanksgivings, versprochen hatte dass "sollte ich jemals Fuss in Texas setzen, ich einen frittierten Truthahn serviert bekomme", musste Wort gehalten werden. Tom, Ambers Vater, hat sich also vom Schwager alles genau erklären lassen und für uns flux einen Truthahn in siedendes Erdnussöl getaucht. Und, was soll ich sagen, frittierter Truthahn kann sich sehen lassen!

Über die Reise selbst könnte ich wohl Romane schreiben. Wer Amber, Kaoru und mich kennt wird ahnen, dass wir die drei Städte nicht geschont haben. Und uns auch nicht. Ein Marathon quer durch die USA (ich habe sogar den Grand Canyon gesehen, wenn auch nur von oben aus dem Flugzeug). Genaueres folgt, in Bildern:

Donnerstag, 2. September 2010

Kafka, die Zweite! - Autofahren

Ich weiss nicht ob sich noch jemand erinnert, aber letztes Jahr um diese Zeit habe ich einen Blogpost veröffentlicht, in dem ich die gewagte (wirklich?) These aufgestellt habe, dass wenn sich jemand die Bürokratie Brasiliens geplant und ausgedacht hat, dann müsse das wohl Kafka höchst persönlich gewesen sein. Damals ging es um einen Fernseher, heute geht es um mein Auto und meinen Führerschein.

In Deutschland läuft ein Führerschein ja erstmal gar nicht ab. Es ist ja nicht mal ein wiederholter Sehtest in hohem Alter vorgeschrieben, wobei das ja womöglich sogar noch sinnvoll wäre. Hier läuft der Führerschein, je nach Status des Inhabers, nach ein bis ein paar Jahren (mehr oder weniger willkürlich gewählt) ab und muss für viel Geld (Papierkram, Tests, und Co.) verlängert werden.
Ich hatte bisher ein kleines Papierchen aus Sao Paulo welches besagt ich dürfe mit meinem Deutschen Führerschein Autofahren. Dies zu bekommen war kein Akt: Übersetzung des Führerscheins einreichen, Schnipsel abholen, fertig. Der war ein halbes Jahr gültig und wurde daher im Dezember, in Sao Paulo, ohne Probleme verlängert. Was schloss ich daraus? Dass ich im Juni wieder nach Sao Paulo fahre und wieder ohne Probleme verlängere. Doch weit gefehlt! So bekam ich also am Abend vor meinem Termin (der, wie passend, am vorletzten Tag des Ablaufdatums lag) eine e-mail die besagte dass das ja alles so gar nicht richtig sei, denn ich sei ja nun schon ein Jahr in Brasilien, und wenn man ein Jahr da ist, braucht man den brasilianische (Original-)Führerschein und den bekäme ich nicht in Sao Paulo sondern in Goiânia, wo ich nun mal wohne. Gut, das ist ja erstmal nicht so schlimm. Dachte ich. Aber dann wurde mir der Prozess (am Telefon) erklärt:

1.) Dokumente sammeln. Da die Systeme der Verkehrsämter nicht verbunden sind, sind die Dokumente die ich in Sao Paulo abgegeben habe nicht in Goiânia im System. Ich muss also alles neu einhändigen. Legalisierte Kopien von Pass, brasilianischer ID, Steuernummer, Führerschein und Co. Sowie eine notariell beglaubigte Übersetzung meines Führerscheins. Die Übersetzung, so wusste ich, existierte schon in der Personalabteilung in Sao Paulo, also habe ich die Praktikantin in der Abteilung für Expats angerufen und sie gebeten es mir mit dem „Malote“ (wörtlich Köfferchen, einer Tasche die morgens von Sao Paulo mit dem ersten Flug nach Goiânia kommt, und abends mit dem letzten wieder zurück fliegt) schicken, damit es am nächsten Morgen da ist. Die Gute hat es dummerweise in der Post eingetütet, so dass es erstmal ne Woche dauerte.
2.) Dokumente beim Verkehrsamt vorlegen. Klingt einfach, isses aber nicht. Nach einigem Fragen saß ich endlich in einem Raum mit vielen Wartenden, ein Nümmerchen in der Hand. Als ich endlich dran war, sagt mir die nette Dame ich sei leider falsch. Hier könnte ich den Führerschein nur beantragen. Dazu müsste aber zunächst ein Prozess gestartet und meine Dokumente akzeptiert werden. Zunächst wurde ich also in ein kleines Büro geschickt, wo jemand anhand der selben Liste die ich mir per Telefon besorgt hatte eins zu eins raussuchte ob ich auch alle Kopien habe. Ich nehme an dass ist so was wie bei uns der schlechteste 1-Euro Job. Danach wurde ich in ein Büro geschickt wo ich den Prozess starten solle. Ich bekam ein Blatt wo ich brav noch mal alle Informationen die auf meinen Kopien sind eintragen sollte, um dann abzuzeichnen dass ich alle Kopien beigelegt habe. Das gab ich dann einer netten Sekretärin, die mich fragte ob ich schon beim Typ nebenan war und auch alle Kopien hätte die er auf der Liste hätte. Ich bejahte dies und sie „startete meinen Prozess“. Das heisst zu Deutsch: Sie hat alle meine Kopien und den Fragebogen lieblos zusammen getackert, ein Label mit meinem Namen und einer 6-stelligen Nummer ausgedruckt, dieses draufgeklebt, ein zweites Label gedruckt, auf einen post-it Zettel geklebt und mir als „Prozess Protokoll“ in die Hand gedrückt. In etwa einer Woche (zu Deutsch: eher mehr, vielleicht zwei, schauen wir mal, nix genaues weiss man nicht) könne ich die Service Nummer anrufen und fragen ob meine Dokumente akzeptiert seien.
So weit bin ich bis jetzt. Es ist noch nichts akzeptiert… Aber immerhin hat sich jetzt mal die Service Firma gemeldet, die von Bayer bezahlt wird um mir bei so was zu helfen. Denen hab ich erstmal erzählt dass ich 3 Wochen nach meiner Anfrage keine Hilfe mehr brauche, da ich dass schneller und billiger allein hinkriege. Das sind die natürlich nicht gewohnt gewesen und haben sich entschuldigt, waren aber offensichtlich beleidigt. Mir egal, mit denen hat ich eh immer nur Ärger.
3.) Sobald dann aber (vielleicht, oder auch nicht) meine Kopien als echt und für gut befunden werden, kann ich mir einen neuen Zettel abholen. Damit kann ich dann zum Sehtest (mal schaun wie ich da durchkommen soll… da werden beide Augen auch einzeln getestet. Prost Mahlzeit). Nach dem Sehtest muss ich zum Psychologischen Test. Dann muss ich auf die Dokumente warten. Dann eine Nummer ziehen, die Dokumente einreichen, und hoffentlich endlich den Führerschein beantragen. Dann wieder warten. Achso, bezahlen muss man natürlich noch vorher. Jeden Test einzeln und dann noch die Beantragung. Passender Weise gibt es Geldautomaten von allen großen Banken, denn man kann nur Cash bezahlen (womöglich auch dadurch zu erklären dass die Preise je nach Person und deren Gefallen am Antragssteller die Preise zum schwanken bringen). Dann aber wirklich wieder warten. Wie lange weiss ich nicht. Will mir auch gar keiner erzählen.
4.) Dann muss ich wieder zum Verkehrsamt und ein Foto machen (muss man speziell da machen und natürlich auch sofort Cash bezahlen). Das schicke Portrait wird dann auf einen leicht zu fälschenden grünen Wisch geklebt, der eine Woche Gültigkeit hat. Es ist der vorläufige Führerschein.
5.) Eine Woche später (Mehr oder weniger. Eher mehr.) kann man dann den richtigen Führerschein abholen: Ein leicht zu fälschender grüner Wisch, aber nicht mit aufgeklebtem sondern mit aufgedrucktem Foto und irgendeinem Siegel. Das ist dann mein brasilianischer Führerschein. Bei Ausländern hat er etwa 1-3 Jahre Gültigkeit (entweder bis Ende Juli, oder Ende Dezember), kommt auch ein bisschen auf das Visum an. Da meins im Juni 2011 ausläuft, reicht das womöglich nicht mehr für einen Führerschein bis Juli 2011 (Dezember schon mal gar nicht). Dann fängt der Quatsch für mich wenn’s schief läuft schon im Dezember wieder von vorne an, aber ich hab Hoffnung dass das doch irgendwie anders läuft. Denn nur weil das so Vorschrift ist, heißt das ja noch lange nicht dass es auch so sein wird. Wir werden sehen.

Ist aber ja alles nicht so schlimm, denn: Autofahren kann ich im Moment eh nicht. Mein Auto ist in der Reparatur. Der Anschnallgurt ist kaputt (geht nicht mehr vor noch zurück) und muss ausgetauscht werden. Da es sich um eine Spätfolge des Unfalls handelt, muss die Versicherung das zahlen. Diese brauchte aber erstmal 4 Tage um den Anspruch auf Reparatur zu klären. Als sie dies dann endlich getan hat, sagt mir der gute Mann von der Werkstatt: Oh, ja dann muss ich jetzt mal gucken ob wir den Gurt überhaupt haben. SERIOUSLY? Das hätte der nicht schon am Montag machen können, als ich ihm meinen VW vorbei gebracht habe? Kommt aber noch besser: Der Gurt für meinen „Parati“ (vergleichbar mit einem älteren Passat und hier absolut KEIN seltenes Auto) ist im Moment bei der ganzen Werkstattkette nicht zu haben und muss erstmal bestellt werden. Dauert wohl so 7 Tage.
Heute rief ich daraufhin wieder an, ob der Gurt denn dann auch morgen da sei und ich mein Auto eventuell am Freitagmorgen abholen könnte. Nein, der Gurt sei noch nicht da und überhaupt hätte die Versicherung ja den Anspruch noch gar nicht geklärt (doch, doch, hatte sie) oder dieser sei noch nicht angekommen.
Die Versicherung hat daraufhin heute alles noch mal geschickt, und mir eine Prozess Nummer geben und es mir in Kopie geschickt. So wurde es mir zu Mindest am Telefon gesagt. Bisher ist bei mir noch nichts angekommen, und auch wann der Gurt erhältlich sei (er sei nirgends auf Lager, die 7 Tage beziehen sich von „Auf Lager“ bis „In Goiania“).

Mensch, ein Sicherheitsgurt! In einer riesigen Werkstatt die ständig Unfallautos repariert! Das kann doch nicht so kompliziert sein! Und wieso kann der Typ nicht selbst mal bei der Versicherung nachhaken, wenn die Kommunikation zwischen deren Systemen nicht klappt?

Wie gut dass ich am Freitag erstmal eine Woche Urlaub hab. Ich hab schon schlecht geträumt letzte Nacht vor lauter Bürokratie und für andere deren Arbeit organisieren. Aber dazu ein andermal mehr.

Mittwoch, 1. September 2010

Tischmanieren

Ich glaube ich habe schon öfter moniert, dass die Tischmanieren in Brasilien zu wünschen übrig lassen. Und ich rede hier nicht davon, in welcher Reihenfolge das Besteck benutzt wird oder wie man Austern öffnet und Hummer halbiert. Es geht um Kleinigkeiten, die ich gelernt habe zu ignorieren, aber deren tiefe Verankerung in meinem Verhalten sich doch immer wieder bemerkbar macht.

So wünsche ich zum Beispiel „Guten Appetit!“ und ernte fragende Blicke, oder lege mein Besteck auf dem Teller zusammen wenn ich fertig bin und werde tatsächlich gefragt wieso.

Meine Eltern scherzen gerne, dass ich mit 3 Jahren bessere Tischmanieren hatte als heute. Sie erzählen die Geschichte, wie ich als Kleinkind im Restaurant in Spanien schon wusste wie man sich zu benehmen und wie man zu essen hat und dass sogar irgendwer erwähnte wie toll das Kind das alles schon kann.
Zugegeben, wenn es heute Abendbrot zu Hause gibt setze ich schon mal in Gedanken den Ellbogen auf (und werde sogleich von meinem lieben Paps ermahnt, obwohl er höchstwahrscheinlich erst 5 Minuten zuvor noch mit den Ellbogen auf dem Tisch sein Stück Weißbrot über dem Teller zerrissen hat) oder lege, weil ich nicht darüber nachdenke, Messer und Gabel für alle falsch rum hin weil ich das Messer lieber in der linken Hand halte. Aber immer hin weiss ich wie ich Messer und Gabel zu halten habe, auch wenn in der falschen Hand. Ich schliesse meine Hand nicht in einer Faust um das Besteck, halte meine Hände über der Tischplatte und nicht darunter versteckt, und schneide nicht alles schon mal klein um dann nur noch mit der Gabel das Gemüse-Fleisch-Kohlehydrat-Gemisch über den Teller zu schieben bis dieselbige gut gefüllt zum Mund, bzw. der Mund zur Gabel geführt werden kann.
Wobei man sagen muss, dass das Kleinschneiden sämtlicher sich auf dem Teller befindlichen Zutaten in sofern in Brasilien angebracht ist, als dass nun mal alles zusammen und durcheinander gegessen wird. Eine Mittagsportion die sich aus Lasagne, Reis, Bohnen, Fischbällchen, Pommes, Steak, Salat, Früchten und frittiertem Käse zusammensetzt ist keine Seltenheit und die Explosion der Aromen scheint nur dann perfekt wenn man alles durcheinander isst. Hab ich mir zu Mindest sagen lassen, denn auch wenn ich großer Fan von „untereinander“-Gerichten bin (mein Favorit: Kartoffeln und Möhren untereinander) geht mir das dann doch zu weit.

Aber ich schweife ab, denn wie gesagt, dass sind alles Dinge an die man sich gewöhnen kann. Andere Länder andere Sitten. Das einzige was ich wirklich nicht akzeptieren kann, ist das beim essen nicht gewartet wird.

Wer sitzt, fängt an zu essen. Beim Mittagessen mit Buffet ist also der erste schon fertig wenn der letzte der Gruppe an den Tisch kommt. Das geht soweit, dass bei meiner Freundin zu Hause die Mutter noch nichts gegessen hat wenn alle fertig sind, weil sie dafür zuständig ist alle zu servieren und der erste ja schon fertig ist wenn der letzte seinen Teller gereicht bekommen hat, und dann muss ja sofort die zweite Runde losgehen. Selbst wenn alles auf dem Tisch steht serviert sich der Vater nicht selbst sondern fragt seine Frau, die womöglich noch aufstehen und um den Tisch laufen muss um zu servieren. Und wenn dann endlich alle was haben und sie sich setzt und auch isst, stehen alle auf sobald sie fertig sind. Lassen alles stehen und liegen und gehen Fernsehen. Dann kann sie allein zu Ende essen, aufräumen und spülen.

Selbst im Fernsehen, in der neuen Werbung für tolles Wunderpulver welches Tiefkühlbohnen beim kochen die Farbe zurück gibt, nutzt diesen Umstand. Die Tochter und der Vater kommen mittags durch die Tür und strahlen die Mutter an, wie gut es riecht und wie toll die Bohnen aussehen. Die Mutter sagt daraufhin sie schmeckten sogar sehr gut, man solle nur den Sohn ansehen der schon aufgegessen hat. Der Teller sei leer geputzt. Daraufhin serviert die Mutter Tochter und Vater das essen und geht zurück in die Küche und sagt sie käme dann auch gleich zum essen. Tochter und Vater hauen rein, und dann kommt ein Schnitt zur tollen Marke und dem Werbeslogan.

In fast allen Werbespots für Gerichte ist es so ähnlich. Haltet mich für spießig, aber jedes Mal wenn ich diese Werbung oder ähnliche Werbung sehe fällt mir das auf und ich frage mich warum hier nie zusammen am Tisch gegessen wird, bzw. nicht richtig zusammen.

Tischmanieren sind wohl kulturelle Güter, so fest verankert dass man sich schämt wenn andere sich so daneben benehmen. Kulturelle Güter, so fest verankert, dass man das sich zusammen reissen muss um den Mund zu halten und nicht zu versuchen Erwachsene Menschen, mit anderen Werten wenn es um Tischmanieren geht, schnell noch umzuerziehen. (Und das bei meinem sowieso schon starken Drang des Besserwissens! Stellt euch vor!).

Ich bemühe mich also, mich zu benehmen und mich anzupassen, meine Tischmanieren zu handhaben wie ich sie gelernt habe aber mir nicht anmerken zu lassen dass mir was gegen den Strich geht.
Mein „Guten Appetit!“ werde ich allerdings nicht los. Sobald ich Messer und Gabel in die Hand nehme, sage ich automatisch „Guten Appetit!“ so wie man nach dem Aufstehen „Guten Morgen!“ wünscht und zum zu Bett gehen eine „Gute Nacht!“.
Ich nutze dies dann geschickt, um zu erklären dass man sich in Deutschland „Guten Appetit“ wünscht wenn alle gemeinsam anfangen zu essen. Vielleicht kann ich den ein oder anderen ja doch noch davon überzeugen…

Mittwoch, 18. August 2010

Dinge

BRIC Staat, Globalisierung, Expat Communities und mehr. Ausländer sein kann trotzdem manchmal schwer sein, weil Dinge fehlen. Dinge die vorher einfach waren, Dinge denen man mit fast schon nihilistischer Gleichgültigkeit begegnet ist, Dinge, die eigentlich gar keine Dinge sondern Situationen, Situationen, die eigentlich gar keine Situationen sind sondern Augenblicke, Augenblicke, die Heimat bedeuten obwohl man sie zuvor nie wahrgenommen hat.
Es sind die Dinge, die man vermisst und auf die man sich freut wenn man ankommt, zurückkommt, und wach ist und gelehrt sie zu bemerken.

Spricht man darüber was man im fremden Land, fern der Heimat vermisst, so fallen einem Kölsch ein, oder Mettbrötchen, danach vielleicht Sicherheit, Organisation, die Autobahn, schnell schiebt man noch ein „und natürlich meine Freunde und Familie“ hinterher. Aber all das ist es nicht, was ich meine.

Ich meine den Klang eines Biergartens im Sommer.
Ich meine die gemeinsame Stille die nach jahrelanger Freundschaft ihre Peinlichkeit verloren hat.
Ich meine das „Mitreden können“ wenn Kinderserien und –Lieder zitiert werden.
Ich meine den Duft der Luft nach einem Sommergewitter.
Ich meine die aufgewirbelten Blätter im Herbstwind.
Ich meine das Klingeln einer Fahrradklingel auf dem Radweg.
Ich meine das Vogelgezwitscher das man hört, wenn im Sommer spät die Sonne untergeht.
Jahreszeiten.
Ich meine die Ruhe kurz bevor der erste Schnee fällt.
Ich meine die Soundkulisse der Muttersprache in einer Menschenmenge.
Ich meine die Vertrautheit von Bäumen und Pflanzen, selbst an unbekannten Orten.
Ich meine den Geruch einer Bäckerei am Sonntag Nachmittag.
Ich meine das Klacken des Zeigers einer Bahnhofsuhr an einem leeren Bahnsteig.
Ich meine die Vertrautheit die in der Luft liegt und einen bestärkt.

Ich meine, Papa in den Arm nehmen zu können wenn er eine traurige Nachricht überbringt anstatt sprachlos und traurig am Telefon zu sitzen, auf der anderen Seite der Welt.

Freitag, 6. August 2010

Raubüberfall

Von der Liste der aufregenden Erlebnisse Südamerikas kann ich nun wieder eins streichen. Und nein, ich rede nicht von den 3 Wochen Konferenz mit 20 bierbäuchigen Kollegen, obwohl auch dass eine Rubrik verdient hätte... Nein, nein. Ich bin tatsächlich überfallen worden. Und dass nicht allein, sonder zusammen mit Mari und Alessa.

Aber ich sollte von vorne anfangen.

Alessa und Mari haben letzten Freitag (30.06.2010) ihre diesjährige Backpacking Reise angetreten. Auf dem Programm stehen Brasilien / Paraguay / Bolivien / Argentinien, oder was davon eben möglich sein wird in 5 Wochen.
Der Flug ging zunächst nach Rio de Janeiro, da musste ich also natürlich auch hin. Ich liebe Rio, und dann am Wochenende, und mIt Alessa und Mari, das lässt man sich ja nicht entgehen.
Um 18h hab ich die beiden also am Flughafen in Empfang genommen und dann gings mit dem Taxi einmal quer durch die Stadt nach Humaitá zu meinen wunderbaren IE Kumpels Rafael und Rodrigo, die so lieb waren uns ihr Gästezimmer anzubieten. Wir waren dann noch etwas trinken, mit Blick auf Rio's Marina, und dann ging es auch bald ins Bett denn jet lag, Arbeit und Co. hatten ihre Opfer gefordert.
War aber auch besser so, denn am nächsten Tag sind wir schon früh aufgestanden um zur Christus Statue auf dem Corcovado zu fahren. Wir haben Tickets für 11h bekommen und hatten von oben eine super Aussicht... also, nachdem wir uns durch die Massen gekämpft hatten... :D
Danach sind wir nach Leblon, dem wohl sichersten reichen nicht-touristischem Stadtteil mit schönem Strand direkt neben Ipanema. Von dort haben wir uns in Etappen fortbewegt: Füße ins Wasser, im Sand sitzen, spazieren, auf der Promenade sitzen, einen Caipi trinken, Füße ins Wasser, noch einen Caipi trinken, spazieren, ... bis wir in Ipanema waren. Rodrigo und Rafa waren zu einer Hochzeit gefahren und wollten erst Sonntag nachmittag wiederkommen, also sind wir heim, haben uns umgezogen und sind was essen gegangen und haben gequascht. Ein relaxter schöner Tag.

Genauso wollte wir am nächsten Tag natürlich auch weitermachen, aber da kam wohl was dazwischen. Nach dem Frühstück wollten wir uns in Rio's Zentrum die auf der Touristenkarte gepriesene Kirche und das Theater angucken. Ich hatte am Abend vorher schonmal drüber nachgedacht ob ins Zentrum zu fahren wohl so eine gute Idee sei, da es Sonntags da total leer ist (es sitzen hauptsächlich Banken und große Bürokomplexe dort), aber dann konnte ich mir auch wiederum nicht vorstellen dass die Kirche inklusive der Messe Zeiten im Lonelyplanet und der Tourikarte stehen, ohne Warnung, wenns da gefährlich wär. Ich ging davon aus dass da wohl Security ist. Und ne Menge Touris halt.
Es waren aber nur ne Handvoll Leute da. In der Kirche eine Familie mit Kindern, auf der Straße ein paar Jugendliche. Und dann sind wir statt links rum geradeaus gelaufen, in der Annahme aus der Richtung seien wir auch gekommen. Schon nach 20 Metern war uns klar dass dem nicht so ist, aber da wars eigentlich auch schon zu spät. Wir haben umgedreht und sind zurück gelaufen, und da wurden Mari und Alessa von hinten von zwei Kerlen angefallen. Ich hab erstmal nur Lärm gehört und mich gewundert dass die Mädels nicht mehr neben mir stehen und als ich mich umdrehte sah ich auch warum. Ich dachte echt dass kann nicht wahr sein.
Am Ende hatte Alessa ihre Tasche noch, weil der Henkel abgerissen war und es dem Dieb zu lange dauerte, wohl auch weil ich auf portugiesisch sagte "Jungs, macht keinen Quatsch, in den Taschen ist nichts wichtiges drin. Was soll denn das.". Maris Tasche aber war weg, und mit ihr Kamera, Strandtuch, Bikini, Sonnencreme, und rund 30 Euro. Alles ersetzbar aber der Schock saß tief, da der Kerl Mari nicht mal die Zeit gelassen hatte die Tasche freiwillig herzugeben (was sie selbstverständlich getan hätte denn der Arsch hatte irgendwas in der Hand, wohl ein Messer) und der Lederriemen aber nicht riss, hatte Mari geschwollene rote Stellen am Nacken. Es ging alles sehr schnell und schon 15 Minuten später war das geschehene total weit weg. Ich weiss noch was der Typ für ein T-Shirt anhatte, aber das ist auch alles.
Wir sind dann schnell wieder zur Hauptstraße, wo auch zwei Männer an einem Sprinter standen die uns gesehen und gehört haben mussten aber da greift in Rio natürlich niemand ein, und nur 2 Meter weiter bog eine Gruppe Leute um die Ecke um genau dort langzugehen wo wir grad überfallen wurde, mit dem Blackberry und dem Telefon locker in der Hand als könnte nix passieren. Ich sagte noch zur der Frau sie solle da nicht lang gehen, wir seien grad ausgeraubt worden, aber sie hat nur ungläubig geguckt und ist die Straße runtergelaufen.

Wir haben dann das nächste Taxi an die Copacabana genommen und statt sightseeing lieber den Tag am Strand verbracht. Schwimmen, Bier, Sand. Das hat geholfen.
Am Abend hab ich die beiden dann zum Busbahnhof gebracht wo sie Richtung Pantanal weiter gefahren sind. Ich bin zum Flughafen und wieder zurück zur Konferenz nach Sao Paulo.

Schon am Montag erschien das Wochenende wie ein Traum. Nun ist es Freitag und schon wieder total weit weg.
Komisch.